Ein langer Brief in die Ewigkeit

PORTRÄT · ERINNERUNG PADERBORN

Ein langer Brief
in die Ewigkeit

Corinna Anhalt schreibt über den Suizid ihres Bruders, über fast vier Jahrzehnte Trauer – und über den Mut, dem Schweigen Worte entgegenzusetzen.

Buchcover „Burkhard, mein Bruder“ von Corinna Anhalt

Als Burkhard Anhalt 1982 während einer Reise in Thailand starb, war seine Schwester Corinna völlig unvorbereitet. Er war 39 Jahre alt. Sein Suizid ließ Fragen, Schuldgefühle und eine Trauer zurück, über die in der Familie lange kaum gesprochen wurde.

Fast vier Jahrzehnte später ordnete Corinna Anhalt ihre Erinnerungen im Buch Burkhard, mein Bruder. Sie nennt es einen sehr persönlichen Brief in die Ewigkeit.


„Ich habe diesen Schritt nicht für möglich gehalten.“

CORINNA ANHALT

Das Buch verbindet Gedichte und autobiografische Texte mit Fotografien und Tagebucheinträgen. Burkhard studierte in Berlin Medizin und wollte Virologe werden. Er liebte Spanien und war von Asien fasziniert. Für seine Schwester bleibt er weit mehr als der Umstand seines Todes.

Anhalt beschreibt Depressionen als möglichen Hintergrund, ohne einfache Antworten zu behaupten. Das Schreiben half ihr, die lange Trauer zu bearbeiten. Mit der Biographiewerkstatt Böddeker entstand ein Buch als Erinnerung, Abschied und Einladung zum Gespräch.

HILFE IN KRISEN
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Redaktionelle Kurzfassung nach Dietmar Kemper, Westfalen-Blatt, 30.12.2021 · Buchcover: bereitgestellte Vorlage

Die Normalität des Abgrunds

Eine Moritat-Parabel über die aktuelle Lage.

Schon doof, was so passiert, wie jeder sich verliert.
Ein Dorf, von Feldern umgeben, eingerahmt von Hügeln.
Man kommt nur über eine hohe Brücke ins Blühen.
Von sich selbst angewidert führt die Straße in die Stadt,
zum kalten Beton, für den niemand im Dorf gute Worte hat.
Isoliert in diesem Land verliert man sich in Kleinigkeiten.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Ja, alles war perfekt in diesem Dorf, in diesem Sommer.
Zu perfekt – ein Leben wie im Koma auf den Wiesen.
Abends wurde gegrillt, etwas gesprochen und gechillt.
Leicht gebrochen las man am nächsten Morgen:
Eine arme Seele ist von der Brücke gesprungen.
Kopfschütteln, Tratsch und kollektives Gemurmel.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Nur der eine Außenseiter meinte leise: „Er war doch ein Macher.“
Ein kleiner Reiz im großen Sommerloch, das war es halt.
Die Kinder grüßten mit Ansichtskarten aus den fernen Camps.
Am Abend kamen kühlende Winde, und einige flanierten noch.
Doch am nächsten Tag lag eine kleine Gruppe tot unter der Brücke.
Keine Vorzeichen ihrer Not – sie hinterließen nur eine Lücke.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Die Polizei ermittelte, konnte jedoch nur auf Freitod schließen.
Viele meinten, man ließe sich doch den Tag nicht vermiesen.
Einen Tag darauf lagen dort leider weitere Dutzend Leichen.
Im Dorf entbrannte Streit zwischen Solidarität und Ablehnung.
Die einen fürs Beerdigen, die anderen fürs einfache Liegenlassen.
Es fassten sich einige Menschenketten an den Händen.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Laufen singend, Händchen haltend auf den Abgrund zu und springen.
Blamierend wäre es, wegen der Lappalie die Stadt zu informieren.
Sprungverbotsschilder wurden aufgestellt, es drohte Bußgeld.
Empörung – dann lachte man noch über diese neue Bewegung.
Der Polizist sprang. Ein Berg von Leichen stoppte den Todesfall.
Proteste machten sich breit: „Man muss den Berg beseitigen!“
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Denn einige Leute sprangen zwei- oder dreimal vor den exitus.
Der Leichenbestatter charterte extra dafür einen Leichenbus.
Er holte Leichen ab, und nachts hat er sie auf die Brücke gebracht.
Er und sein Kollege warfen die Körper erneut von der Brücke hinab
und stellten das Dreifache in Rechnung – für jedes einzelne Grab.
Das örtliche Alten- und Pflegeheim machte sich große Sorgen,
denn der letzte Pfleger ließ die Bewohner nun ganz allein.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Nein, er fasste sich doch ein Herz – das war auch kein Scherz.
Er schubste sie zuerst, bevor er selber von der Brücke sprang.
Und die Leichenbestatter schrieben sich selbst eine Rechnung.
Und auch sie sprang und starb schnell dank kühler Berechnung.
Der Bürgermeister blieb bis zum Schluss und stand an diesem Ort.
Er schwieg und ging leise, desolat, fort in die große Stadt.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Er suchte nach Hilfe und sprach den ersten Menschen an.
Er erzählte von dem Dorf, erhaben nickte der Mann.
Schön doof. Zum Trost bekam er etwas Heroin geschenkt,
das er zunächst schnüffelte und dann lieber drückte.
Als das Geld knapp war, stieg er zu Männern ins Auto ein,
schimpfte über das üble Dorf, aus dem er gekommen war.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

„Scheiß Dorf! Fickt die doch alle! Bin ich froh, da weg zu sein!“
Für dieses wehleidige Gerede bekam er auch Schläge von Freiern.
Seitdem stirbt die ganze Stadt so brav und langsam dahin,
ohne Größe aufsehen thanatisch im eigentlichen Sinn.
Wo die Ratten nur an zu hohen Cholesterinwerten leiden.
Serius aut citius sedem properamus in unam.
(Früher oder später eilen wir alle zum selben Ort)
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Fancy Sindy

Triggerwarnung: Sexualität und Drogenmissbrauch
Karl, 32 Jahre

In diesem Bericht geht es um Eskalation. Um diese Eskalationen, die ich in meinem Leben immer wieder habe. Wochen, Monate, manchmal Jahre geht alles gut. Und dann passiert so etwas:

2 Gramm gutes Koks – check. 6 Bier im Kühlschrank – check. 10 Gramm Gras – check. 2 Packungen Sahnekapseln – check. Ja, das sollte abgehen wie in Fear and Loathing in Las Vegas. Und ich hatte auch richtig Bock auf Sex. So sollte der Abend starten. Aber wen lade ich mir für den Sex ein? Einen Mann oder lieber eine Frau? Ich dachte hin und her. Will ich heute selbst eher passiv sein, den femininen Part übernehmen? Hatte schon Bock drauf. Also mal im Internet schauen, wer so Lust hat. Eine nette Transfrau gefunden. Aber bei ihr sollte ich auch aktiv werden. Voll nicht meins. Dann kann ich mir doch lieber gleich eine Frau einladen. Da geht das dann bestens.

Aber jetzt mal langsam angehen lassen. Bier auf. Dann dachte ich: Sollte ich schon mal Koks ziehen? Lieber nicht. Einmal damit angefangen, hört man nicht mehr auf. Also ich zumindest nicht. Wenn ich zehn Gramm habe, ziehe ich am Ende einfach zehn Gramm. Das ist auch scheiße. Also erst mal einen rauchen.

Auf einmal denke ich mir: Scheiß drauf. Ich lade weder Frau noch Mann ein. Oder … warte mal. Die Transfrau schreibt schon öfter. Egal. Soll sie vorbeikommen. Jetzt. Dann bin ich heute halt lesbisch. Also kommt sie vorbei. Sie sieht für mich erst mal aus wie ein Trucker, der einen Zwischenstopp eingelegt hat. Also erst mal ins Bad geschickt, damit sie sich ein bisschen schick macht. Ich denke die ganze Zeit ans Koks. „Kontrollier dich, Mann!“, schreie ich mich innerlich selber an. Sonst ist alles so schnell vorbei.

Sie kommt aus dem Bad und nennt sich Sindy. Klar, gefühlt jede zweite Transfrau heißt Sindy. Aber sie sieht wirklich hübsch aus. Sie setzt sich zu mir aufs Sofa. Sexy! Und redet und redet. Sie sagt, sie sei auf Pep. Und ich denke nur: Wie, und mir hast du nichts mitgebracht? Gut. Dann lasse ich mein Koks eben auch stecken. Sie erzählt mir irgendwelche Dirty-Dinge. Egal. Ich verdrücke mich aufs Klo.

Doch eine kleine Nase. Ja, egal. Irgendwann liegen wir auf dem Bett. Sie erzählt immer noch von Hinz und Kunz und redet ohne Pause. Wir sprechen darüber, was uns beim Sex gefällt und was für uns okay ist. Sie macht deutlich, dass sie es mag, wenn es etwas härter wird und ich ihr auch eine Ohrfeige geben darf. Also: flache Hand, einmal durchgezogen. Und ich merke sofort, dass es genau das ist, was sie wollte. Jop. Ging klar. Also dann ins Bett. Die Einzelheiten erspare ich euch. Aber es war gut. Endlich mal. Irgendwann sagt sie: „Geh mal an meine Jacke und hol die Kippen raus.“ Ich greife in ihre Tasche. Fuck. Dienstausweis. Bulle?! Habe ich gerade einen Polizisten gefickt? Meine Augen fokussieren sich langsam. Ach nee. Nur Ordnungsamt. Puh.

Später will Sindy den Nachtbus nehmen. Abhauen in die Nacht. Jop. Hau ab. Ich bleibe hier. Lass mich ruhig allein. Ich habe ja noch Ballons am Start und so. Und dann: Filmriss. Komplett weg. Sehr lange gepennt. 18 Uhr. Ich schlage die Augen auf. Fuck. Mein Bruder fragt mich, ob ich etwas genommen hätte. Ja. Zu lügen macht keinen Sinn. Dafür merkt man es mir viel zu deutlich an. Er will mich in die Klinik fahren. Ich komme widerwillig mit. Ewig gewartet. Dann der ärztliche Dienst. Der sagt aber: „Nee. Den nehmen wir jetzt nicht auf.“ Weil soweit alles okay sei.

Ja, fuck. Aber ehrlich: So gut sich der Abend in manchen Momenten angefühlt hatte – noch Wochen danach hat er mich angekotzt. Weil ich mich so dreckig gefühlt habe. Und weil wieder die ganze Kohle weg war. Für Sachen, die am Ende nur einen einzigen Abend gehalten haben. Voll keinen Bock mehr auf Drogen. Die nächsten Wochen wieder gut abstinent gewesen. Nach drei Tagen sogar wieder ganz normal arbeiten gegangen. Der Alltag hat mir richtig gutgetan. Und trotzdem: Das ist sicher nicht normal.

Besonders das mit dem Koks war scheiße. Da kickt meine Therapeutin immer wieder drauf. Sie sagt, dass sie die Therapie beenden könnte, wenn ich das noch einmal mache.

Also streiche ich die neue Einkaufsliste wieder aus meinem Kopf: Koks – out. Alkohol – out. Gras – halbwegs out. Sahnekapseln – out. Check.
Handy auf lautlos. Egal. Scheiß drauf.

Ophelia

Autor: Herr Mondschein

Ophelia ist eine tragische Figur aus Shakespeares Hamlet. Sie ist eine junge, zierliche Frau von großer natürlicher Schönheit. Ihr Blick wirkt oft verträumt, nachdenklich oder traurig. Im Laufe der Geschichte trifft Ophelia ein schweres Schicksal. Sie verfällt dem Wahnsinn, verliert zunehmend den Bezug zur Realität, bis ihre Geschichte schließlich ein tragisches Ende nimmt.

Mit diesen Versen möchte ich Ophelias Schicksal aus den Seiten von Shakespeares Hamlet in unsere Gegenwart tragen. Denn ihre Geschichte ist keine ferne Erinnerung vergangener Jahrhunderte. Sie erzählt von seelischem Leid, Einsamkeit und dem Zerbrechen eines Menschen – von Erfahrungen, Gefühlen und Schicksalen, die leider auch heute noch unter uns wohnen.

Ophelia sitzt im Wald neben einem Blatt mit Fragen nach Liebe, Wahrheit und Erinnerung.

Zwischen den Bäumen führt ein schmaler
Trampelpfad unter dem Blätterdach.
Die Ente reckt den kleinen Schnabel,
über Steine ergießt sich ein Bach.

Der Fuchs schaut aus seinem Bau fragend,
in der Ferne ist der Specht am Schlagen.
Der Findling ist von Moosen bewachsen,
vor ihm eine Gruppe von Hasen.

Ein Fahrradwrack liegt dort seit Jahren,
daneben einige Bierflaschen.
Dieser Ort, seit Jahren verlassen,
seinen eigentlichen Schein bewahrend.

So die Sonne durch die Blätter fällt,
Vergänglichkeit sich das Dasein nennt.
Und doch unantastbar bleibt die Welt,
so schön, klar, dem Menschensinne fremd.

Der Bach ergießt sich in einen See,
ein großer Stamm nah am Ufer steht.
Geht ein Wind, der leicht Libellen trägt,
hier endet dieser schöne Waldweg.

Und Ophelias Körper treibt so dort
in den leichten Wellen, die vergehen.
Verbleibt elegant und ohne Wort,
ich wünschte, ich könnte dich verstehen.

Dein langes, leicht gewelltes Haar
ist anmutig und so harmonisch.
Dein Blick ist so traurig, still und klar,
deine Erscheinung melancholisch.

Ja, uns fehlt jegliches Verständnis.
Dein edles Wesen kränkte niemanden mehr.
Wie kommen wir aus der Bedrängnis?
Deine Reise war so kurz und schwer.

Du so vereint mit der Ewigkeit.
Lasst uns im Dasein mit den Fragen,
die wir über unsere Lebenszeit
in unseren hilflosen Herzen tragen.

Wasser erschwert dein seiden Gewand,
und du verlässt die Oberfläche.
In die Tiefe, die alles Licht bannt,
hinab in des Grundes Geflechte.

Ophelia treibt im Wasser neben einem Blatt mit Zeilen aus Shakespeares Hamlet.