Fancy Sindy

Triggerwarnung: Sexualität und Drogenmissbrauch
Karl, 32 Jahre

In diesem Bericht geht es um Eskalation. Um diese Eskalationen, die ich in meinem Leben immer wieder habe. Wochen, Monate, manchmal Jahre geht alles gut. Und dann passiert so etwas:

2 Gramm gutes Koks – check. 6 Bier im Kühlschrank – check. 10 Gramm Gras – check. 2 Packungen Sahnekapseln – check. Ja, das sollte abgehen wie in Fear and Loathing in Las Vegas. Und ich hatte auch richtig Bock auf Sex. So sollte der Abend starten. Aber wen lade ich mir für den Sex ein? Einen Mann oder lieber eine Frau? Ich dachte hin und her. Will ich heute selbst eher passiv sein, den femininen Part übernehmen? Hatte schon Bock drauf. Also mal im Internet schauen, wer so Lust hat. Eine nette Transfrau gefunden. Aber bei ihr sollte ich auch aktiv werden. Voll nicht meins. Dann kann ich mir doch lieber gleich eine Frau einladen. Da geht das dann bestens.

Aber jetzt mal langsam angehen lassen. Bier auf. Dann dachte ich: Sollte ich schon mal Koks ziehen? Lieber nicht. Einmal damit angefangen, hört man nicht mehr auf. Also ich zumindest nicht. Wenn ich zehn Gramm habe, ziehe ich am Ende einfach zehn Gramm. Das ist auch scheiße. Also erst mal einen rauchen.

Auf einmal denke ich mir: Scheiß drauf. Ich lade weder Frau noch Mann ein. Oder … warte mal. Die Transfrau schreibt schon öfter. Egal. Soll sie vorbeikommen. Jetzt. Dann bin ich heute halt lesbisch. Also kommt sie vorbei. Sie sieht für mich erst mal aus wie ein Trucker, der einen Zwischenstopp eingelegt hat. Also erst mal ins Bad geschickt, damit sie sich ein bisschen schick macht. Ich denke die ganze Zeit ans Koks. „Kontrollier dich, Mann!“, schreie ich mich innerlich selber an. Sonst ist alles so schnell vorbei.

Sie kommt aus dem Bad und nennt sich Sindy. Klar, gefühlt jede zweite Transfrau heißt Sindy. Aber sie sieht wirklich hübsch aus. Sie setzt sich zu mir aufs Sofa. Sexy! Und redet und redet. Sie sagt, sie sei auf Pep. Und ich denke nur: Wie, und mir hast du nichts mitgebracht? Gut. Dann lasse ich mein Koks eben auch stecken. Sie erzählt mir irgendwelche Dirty-Dinge. Egal. Ich verdrücke mich aufs Klo.

Doch eine kleine Nase. Ja, egal. Irgendwann liegen wir auf dem Bett. Sie erzählt immer noch von Hinz und Kunz und redet ohne Pause. Wir sprechen darüber, was uns beim Sex gefällt und was für uns okay ist. Sie macht deutlich, dass sie es mag, wenn es etwas härter wird und ich ihr auch eine Ohrfeige geben darf. Also: flache Hand, einmal durchgezogen. Und ich merke sofort, dass es genau das ist, was sie wollte. Jop. Ging klar. Also dann ins Bett. Die Einzelheiten erspare ich euch. Aber es war gut. Endlich mal. Irgendwann sagt sie: „Geh mal an meine Jacke und hol die Kippen raus.“ Ich greife in ihre Tasche. Fuck. Dienstausweis. Bulle?! Habe ich gerade einen Polizisten gefickt? Meine Augen fokussieren sich langsam. Ach nee. Nur Ordnungsamt. Puh.

Später will Sindy den Nachtbus nehmen. Abhauen in die Nacht. Jop. Hau ab. Ich bleibe hier. Lass mich ruhig allein. Ich habe ja noch Ballons am Start und so. Und dann: Filmriss. Komplett weg. Sehr lange gepennt. 18 Uhr. Ich schlage die Augen auf. Fuck. Mein Bruder fragt mich, ob ich etwas genommen hätte. Ja. Zu lügen macht keinen Sinn. Dafür merkt man es mir viel zu deutlich an. Er will mich in die Klinik fahren. Ich komme widerwillig mit. Ewig gewartet. Dann der ärztliche Dienst. Der sagt aber: „Nee. Den nehmen wir jetzt nicht auf.“ Weil soweit alles okay sei.

Ja, fuck. Aber ehrlich: So gut sich der Abend in manchen Momenten angefühlt hatte – noch Wochen danach hat er mich angekotzt. Weil ich mich so dreckig gefühlt habe. Und weil wieder die ganze Kohle weg war. Für Sachen, die am Ende nur einen einzigen Abend gehalten haben. Voll keinen Bock mehr auf Drogen. Die nächsten Wochen wieder gut abstinent gewesen. Nach drei Tagen sogar wieder ganz normal arbeiten gegangen. Der Alltag hat mir richtig gutgetan. Und trotzdem: Das ist sicher nicht normal.

Besonders das mit dem Koks war scheiße. Da kickt meine Therapeutin immer wieder drauf. Sie sagt, dass sie die Therapie beenden könnte, wenn ich das noch einmal mache.

Also streiche ich die neue Einkaufsliste wieder aus meinem Kopf: Koks – out. Alkohol – out. Gras – halbwegs out. Sahnekapseln – out. Check.
Handy auf lautlos. Egal. Scheiß drauf.

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