Die Normalität des Abgrunds

Eine Moritat-Parabel über die aktuelle Lage.

Schon doof, was so passiert, wie jeder sich verliert.
Ein Dorf, von Feldern umgeben, eingerahmt von Hügeln.
Man kommt nur über eine hohe Brücke ins Blühen.
Von sich selbst angewidert führt die Straße in die Stadt,
zum kalten Beton, für den niemand im Dorf gute Worte hat.
Isoliert in diesem Land verliert man sich in Kleinigkeiten.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Ja, alles war perfekt in diesem Dorf, in diesem Sommer.
Zu perfekt – ein Leben wie im Koma auf den Wiesen.
Abends wurde gegrillt, etwas gesprochen und gechillt.
Leicht gebrochen las man am nächsten Morgen:
Eine arme Seele ist von der Brücke gesprungen.
Kopfschütteln, Tratsch und kollektives Gemurmel.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Nur der eine Außenseiter meinte leise: „Er war doch ein Macher.“
Ein kleiner Reiz im großen Sommerloch, das war es halt.
Die Kinder grüßten mit Ansichtskarten aus den fernen Camps.
Am Abend kamen kühlende Winde, und einige flanierten noch.
Doch am nächsten Tag lag eine kleine Gruppe tot unter der Brücke.
Keine Vorzeichen ihrer Not – sie hinterließen nur eine Lücke.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Die Polizei ermittelte, konnte jedoch nur auf Freitod schließen.
Viele meinten, man ließe sich doch den Tag nicht vermiesen.
Einen Tag darauf lagen dort leider weitere Dutzend Leichen.
Im Dorf entbrannte Streit zwischen Solidarität und Ablehnung.
Die einen fürs Beerdigen, die anderen fürs einfache Liegenlassen.
Es fassten sich einige Menschenketten an den Händen.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Laufen singend, Händchen haltend auf den Abgrund zu und springen.
Blamierend wäre es, wegen der Lappalie die Stadt zu informieren.
Sprungverbotsschilder wurden aufgestellt, es drohte Bußgeld.
Empörung – dann lachte man noch über diese neue Bewegung.
Der Polizist sprang. Ein Berg von Leichen stoppte den Todesfall.
Proteste machten sich breit: „Man muss den Berg beseitigen!“
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Denn einige Leute sprangen zwei- oder dreimal vor den exitus.
Der Leichenbestatter charterte extra dafür einen Leichenbus.
Er holte Leichen ab, und nachts hat er sie auf die Brücke gebracht.
Er und sein Kollege warfen die Körper erneut von der Brücke hinab
und stellten das Dreifache in Rechnung – für jedes einzelne Grab.
Das örtliche Alten- und Pflegeheim machte sich große Sorgen,
denn der letzte Pfleger ließ die Bewohner nun ganz allein.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Nein, er fasste sich doch ein Herz – das war auch kein Scherz.
Er schubste sie zuerst, bevor er selber von der Brücke sprang.
Und die Leichenbestatter schrieben sich selbst eine Rechnung.
Und auch sie sprang und starb schnell dank kühler Berechnung.
Der Bürgermeister blieb bis zum Schluss und stand an diesem Ort.
Er schwieg und ging leise, desolat, fort in die große Stadt.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

Er suchte nach Hilfe und sprach den ersten Menschen an.
Er erzählte von dem Dorf, erhaben nickte der Mann.
Schön doof. Zum Trost bekam er etwas Heroin geschenkt,
das er zunächst schnüffelte und dann lieber drückte.
Als das Geld knapp war, stieg er zu Männern ins Auto ein,
schimpfte über das üble Dorf, aus dem er gekommen war.
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

„Scheiß Dorf! Fickt die doch alle! Bin ich froh, da weg zu sein!“
Für dieses wehleidige Gerede bekam er auch Schläge von Freiern.
Seitdem stirbt die ganze Stadt so brav und langsam dahin,
ohne Größe aufsehen thanatisch im eigentlichen Sinn.
Wo die Ratten nur an zu hohen Cholesterinwerten leiden.
Serius aut citius sedem properamus in unam.
(Früher oder später eilen wir alle zum selben Ort)
„Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben?“

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