Sieht nach Regen aus. Im Radio meinten sie, es könnte ein Unwetter geben. Da könnte sie richtig liegen. Ich schätze, es ist bereits da. Da am Horizont blitzt es. Grollen rückt näher. Es fängt an zu schütten. Schlagartig fallen dicke Bindfäden vom Himmel. Sie detonieren nahezu auf dem Boden und verteilen sich in Fontänen in alle Richtungen. Der Himmel hängt voller Wolken. Tiefschwarz. Und in diesen zucken Blitze auf. Der Tag wird nachtschwarz. Ich lege den Kopf in den Nacken, schließe die Augen, zähle. Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. …..Einatmen. Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. …..Ausatmen. Klick – die Schreibtischlampe. Etwas belastet mich. Es grollt in mir. Ich spreche es nur nie aus. Nun schlagen die Gedanken ein wie Blitze. Erinnerungsfetzen aus meiner Vergangenheit prasseln herab. Mein Herz schlägt stärker. Mit einem Schlag öffne ich die Schublade. Bis zum Anschlag. Tief unten darin ist – neben meinen Gedanken, meinen Erinnerungen – die Packung mit Beruhigungsmitteln? Nein! Ich greife zu meinen Erinnerungen, und mit einem Stoß fliegt die Schublade wieder zu.
Die Blicke aus dem Fenster. Faustdicke Regentropfen klopfen daran. Die Augen gleiten weiter über die Heizung zu den Kuscheltieren, die mich fragend ansehen. Gleitende Blicke gehen auf den Schreibtisch, auf den sich darauf befindlichen Block und den Stift, die durch die Lampe im Spotlight zu stehen scheinen. Und die Worte, die ich sagen will, fließen von meinem Herz durch den Körper in meinen Kopf, wo sie sich zentrieren. Sie fließen nun zurück in die Hand und in gleicher Strombewegung auf den Stift. Dieser ergießt Tinte auf den Block wie das Wasser die Regenrinne hinab. Die Worte, die mir sagen, was mit mir los ist. Nun sind sie da. Ich habe sie lange gesucht, nun sind sie da. Weißt du noch damals?, frage ich mich selbst. Ich war doch erst sechs Jahre alt. Ich flehte: „Bitte Gott, zeig dich.“ Er sagte: „Sei still, damit Mama nichts hört.“ Ich schreie wie ein Löwe und werde unendlich stark und drücke ihn an die Wand, sodass sie zerbricht. Ich schmeiße ihn hindurch, er fleht um Hilfe. Nun rette ich andere Kinder. Sie brauchen meine Hilfe, ich spüre sie. Ich habe Superohren und kann sie überall hören. Und wenn sie Hilfe brauchen, bin ich da. Das sind die Worte, zu denen das innere Kind tanzt. Das Kind, das tanzt, ohne Angst zu haben. Das Kind, welches bei euch ist und doch fern. Das Kind, welches Engelsflügel leicht tragen. Das Kind in mir fliegt nun zu den Sternen. In der Nacht, in der Nacht ist niemand allein. In der Nacht braucht das Kind doch nicht weinen. Der Stift senkt sich, fällt auf den Tisch, rollt zur Seite. Plötzlich taucht es auf: das Heulen, so durchdringend, dass keiner es übergehen kann. Es zieht durch alle Ritzen, an Fenstern, durch Türen, welche rüttelnd standhalten. Er ist nun hier drin, der Wind, und gleitet im gleichen Moment wieder heulend hinaus. Er trägt einige Gedanken, einige Erinnerungen hinaus. Ich rolle meine Muskeln hin und her, strecke die Arme über den Kopf. Sie gehen wieder hinab und halten meine Schultern von hinten. Die Ellbogen überkreuzen sich.
Wie ein schützender Gurt liegen sie auf meiner Brust. Der Pullover, so schwer, unangenehm juckend und kratzend, mit eingetrocknetem Schweiß, fliegt patsch an die Wand. Er gleitet dort hinab, direkt in den Wäschekorb darunter. Ein Stück Freiheit mehr. Der Stift – fast wäre er den Schreibtisch hinabgerollt. Ich nehme ihn auf, lasse ihn zwischen meinen Fingern hin und her gleiten, greife ihn richtig und setze neu an. Und wieder bin ich sechs Jahre alt. Ich wollte nicht stehlen. Ich wollte nur auch mal etwas Schönes zum Spielen haben. Mama drückt die Tür, ich stemme mich dagegen. Die Tür fällt ins Schloss, man hört den Schlüssel, der die Tür verriegelt. Und es scheint, ich sei eingesperrt. …… Doch da ist ein kleines Loch in der Wand. Ich zwänge mich hindurch. Ein kleiner Gang, gerade groß genug, dass Kinder hindurchkrabbeln können. Erwachsene aber nicht. Immer tiefer in den kleinen Gang krabble ich hinein. Bis ich nun das Ende erreiche und erstaunt sehe ich es: Am Ende bin ich in einem Raum angelangt. Aus ihm funkelt und glitzert es. Tausend Diamanten und Goldtaler finden sich dort – und auch ein Ausgang. Er führt direkt zum Spielplatz. Und nun mache ich mir alle Taschen voll. Jetzt bin ich das reichste Mädchen der Welt, und ich kaufe mir alles Spielzeug, das es gibt. Ich kaufe das Haus meiner Eltern und sage zu ihnen:
„Ihr müsst jetzt verschwinden, sonst werde ich richtig böse.“ Meine Bodyguards ballen schon die Fäuste und gucken so grimmig wie ein Rudel Wölfe. Zitternd müssen meine Eltern fliehen. Nun erkennen sie, wie wertvoll ich bin. Aber nun ist es zu spät. Ich brauche euch nicht mehr. Dieses Kind hat Mut, es tanzt immer weiter. Dieses Kind erklimmt die Himmelsleiter. Plötzlich erschauerten die bösen Menschen, erschrocken, denn sie hatten es unterschätzt. Plötzlich überkam sie alle die Scham, erschrocken, denn sie hatten es übersehen. Ja, das waren die Worte, die es brauchte. Die Schublade zieht sich langsam hervor. Der Block und der Stift senken sich dort hinein. Und auch die Erinnerungen kommen wieder an ihren Platz. Meine Finger streifen über die Stelle mit den Beruhigungsmitteln. Einen Moment innehalten. Einen Moment die Gedanken ziehen lassen. Leise schließt sich die Schublade. Prüfend drücke ich sie zu und vergewissere mich, ob sie auch richtig geschlossen ist. Das Fenster. Meine Hände greifen schwach zu dem Metallgriff, setzen es nun auf Kippstellung zurück. Ich schaue hinab in große Pfützen, die den Himmel reflektieren. Dieser ist nun gräulich und nicht mehr pechschwarz. Die Tropfen in den Pfützen, die kleinen Tropfen, die immer wieder Schallwellen durch die ganze Pfütze tragen, sind fast schon ein wenig meditativ. Ja, es liegt noch viel Regen in der Luft. Und leicht wandern nun Nebelfelder über dem Boden zwischen den Bäumen und den Büschen. Und am Horizont löst sich gelegentlich der Schleier und lässt in der Ferne auf die Abendsonne blicken. Ob die Erde das ganze Wasser morgen schon aufgezogen hat?