Mit der Kraft von Nadel und Wolle: Im LWL-Klinikum Gütersloh werden positive Gedanken „verstrickt

Gütersloh (lwl). Stricken kann weit mehr sein als ein kreatives Hobby, im Klinikum Gütersloh des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ist es fester Bestandteil des therapeutischen Angebots.

Die von Pflegefachkraft Dorotea Gnioth entwickelte „Wohl-Strick-Gruppe“ bereichert das Therapieprogramm der LWL-Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (PSM). Ziel ist es, Patientinnen und Patienten durch Handarbeit dabei zu unterstützen, zur Ruhe zu kommen, positive Gedanken „zu verstricken“ und neue Sicherheit im eigenen Handeln zu gewinnen.

Strickgruppe im LWL-Klinikum Gütersloh
Ob Häkeln oder Stricken: In der Gruppe von Dorotea Gnioth können Patientinnen und Patienten lernen, die Handarbeit mit positiven Gedanken „zu verknüpfen“. Fotos: LWL/Dresmann

Das Angebot richtet sich an Psychosomatik-Patientinnen und -Patienten aller Altersgruppen, ganz bewusst mit und ohne Vorkenntnisse. Rund die Hälfte der Teilnehmenden können beim ersten Besuch der Gruppe bereits stricken, viele bringen angefangene Projekte von zu Hause mit, für deren Fertigstellung sie krankheitsbedingt nicht mehr die nötige Kraft hatten.

Andere lernen die Handarbeitsgrundlagen in der Gruppe. Nach nur wenigen Treffen berichten viele Patientinnen und Patienten, dass sie sich wieder zutrauen, selbstständig zu stricken und dieses Ritual in ihren heimischen Alltag zu integrieren.

„Das Stricken soll ein positiv besetztes Thema sein. Die Patientinnen und Patienten können sich zu Hause eine Möglichkeit des Rückzugs und der Konzentration auf ein Thema schaffen.“

Damit die positive Besetzung des Themas leichter gelingt, steuert Dorotea Gnioth bewusst die Gespräche in der Gruppe. Positive Gesprächsthemen stehen im Vordergrund. Ausliegende Karten mit entsprechenden Fragen helfen dabei.

Die Strickgruppe findet jeden Donnerstagnachmittag für 60 Minuten mit rund einem halben Dutzend Teilnehmenden statt. Der Raum wird bewusst schlicht, aber einladend gestaltet: gute Beleuchtung, frische Luft, eine gemütliche Sitzordnung im Kreis mit Decken und Kissen sowie Tee, Wasser und kleine Snacks schaffen eine Atmosphäre, in der Entspannung und Austausch möglich werden.

„Der Ansatz ist ausgesprochen modern: Er fokussiert nicht primär die Erkrankung selbst, sondern deren Folgen im Alltag der Betroffenen. Die Stärkung von Selbstwirksamkeit, Teilhabe und funktionaler Alltagsbewältigung sind zentrale Prinzipien zeitgemäßer psychosomatischer Versorgung“, erklärt Prof. Dr. Michael Schulz, stellvertretender Pflegedirektor des LWL-Klinikums in Gütersloh.

„Der Leistungsgedanke steht beim Stricken bewusst im Hintergrund. Jede und Jeder arbeitet im eigenen Tempo, am eigenen Projekt“, erklärt Dorotea Gnioth.

Es geht um Achtsamkeit, Kommunikation und darum, den eigenen Willen wieder zu spüren. Wenn Patientinnen und Patienten lieber häkeln oder etwas besticken wollen, ist das genauso möglich.

Inspiriert wurde das Konzept durch wissenschaftliche Studien sowie das Buch „Mit Stricken gesund und glücklich werden“ von Betsan Corkhill. Die positiven Wirkungen, etwa Stressreduktion, Förderung der Konzentration, emotionale Stabilisierung und Stärkung der Selbstwirksamkeit, bestätigen sich auch im klinischen Alltag.

Ein besonders bewegender Moment war der Abschied einer Patientin vor ihrer Entlassung: „Wenn ich stricke, werde ich immer an Sie denken“, sagte sie zu Dorotea Gnioth. Rückmeldungen wie diese zeigen, wie nachhaltig das Angebot wirkt.

Quelle/Fotos: LWL / Dresmann